Pflanzenkompendium
Heidelbeere Vaccinium myrtillus
Stand: Oktober 2026 · Recherche und Redaktion: Botanical Desire
Die Heidelbeere, Vaccinium myrtillus L., ist ein 15 bis 60 cm hoher Zwergstrauch aus der Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae), der in weiten Teilen Europas, im Kaukasus, in Sibirien und Japan sowie im Westen Nordamerikas wild wächst. Sie bevorzugt stark saure Böden in Nadel-, Eichen- und Buchenwäldern und auf Mooren und kommt vom Tiefland bis über die Baumgrenze vor. Verwendet werden die reifen Beeren: schwarz mit bläulichem Wachsüberzug, auch im Inneren dunkelblau, im Geschmack süß und leicht herb. Leitsubstanzen sind die Anthocyane, eine Gruppe von 15 Farbstoffen; daneben enthalten die Beeren Gerbstoffe, Proanthocyanidine und organische Säuren.
Dieser Beitrag beschreibt die Pflanze und gibt veröffentlichte Studien wieder. Die genannten Ergebnisse gelten für die dort untersuchten Extrakte, Mengen und Zubereitungen — nicht für Produkte von Botanical Desire. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung. Ausführlicher Hinweis am Seitenende.
Auf einen Blick
- Botanischer Name
- Vaccinium myrtillus L. [12]
- Synonym
- Vitis-idaea myrtillus (L.) Moench [12]
- Familie
- Ericaceae (Heidekrautgewächse) [12]
- Verwendeter Pflanzenteil
- Frucht (Beere) [1]
- Leitsubstanzen
- Anthocyane — Glykoside von Delphinidin, Cyanidin, Petunidin, Peonidin und Malvidin [1] [2]
Zum Nachlesen
Heidelbeere: Inhaltsstoffe
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Für frische Heidelbeeren verlangt das Europäische Arzneibuch laut dem Bewertungsbericht des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) mindestens 0,30 Prozent Anthocyane, berechnet als Cyanidin-3-O-glucosid-chlorid und bezogen auf die getrocknete Droge; für getrocknete Heidelbeeren einen Mindestgehalt an Gerbstoffen, den das Arzneibuch seit seiner 10. Ausgabe von 1,0 auf 0,8 Prozent, berechnet als Pyrogallol, gesenkt hat [1] [11]. Den Gesamtgehalt an Anthocyanen in reifen Heidelbeeren gibt der Bericht mit 300 bis 700 mg je 100 g an [1].
In einer Untersuchung von 179 wild wachsenden Heidelbeerpflanzen aus 20 Beständen entlang einer rund 1.000 km langen Süd-Nord-Achse in Finnland lag der Gesamtgehalt an Anthocyanen durchschnittlich bei 2.878 mg je 100 g Trockengewicht, mit großen Unterschieden innerhalb der Bestände und zwischen ihnen; im Süden war er signifikant niedriger als in der Mitte und im Norden. Im Norden überwogen die Glykoside des Delphinidins, im Süden die des Cyanidins [2]. Laut HMPC-Bericht reichten die Gehalte dort von 19,3 bis 38,7 mg je Gramm Trockengewicht; am höchsten sind sie meist in den Ende August und Anfang September gesammelten Beeren, etwa 1,5-mal so hoch wie im Juli [1]. Anthocyane sind wasserlöslich und empfindlich gegenüber Wärme, Licht, Sauerstoff und dem pH-Wert; bei 125 °C sank ihr Gehalt in einer im Bericht zitierten Untersuchung mit einer Halbwertszeit von weniger als acht Minuten [1].
- Anthocyane — 15 Verbindungen: die Galactoside, Glucoside und Arabinoside von Delphinidin, Cyanidin, Petunidin, Peonidin und Malvidin [1] [2]; laut HMPC-Bericht 300 bis 700 mg je 100 g reife Beeren [1], in finnischen Wildbeständen durchschnittlich 2.878 mg je 100 g Trockengewicht [2]
- Flavan-3-ole und Proanthocyanidine — ihre Menge nimmt mit der Reife der Beeren ab [1]
- Gerbstoffe — kondensierte und hydrolysierbare; in getrockneten Beeren nach dem Europäischen Arzneibuch mindestens 0,8 Prozent, berechnet als Pyrogallol [1] [11]
- Triterpene — Oleanolsäure und Ursolsäure (0,25 Prozent) [1]
- Organische Säuren — Chlorogen-, Ferula-, Syringa-, Kaffee- und p-Cumarsäure [1]
- Vitamine — in frischen Beeren Vitamin C, Vitamin B1, Pantothensäure und Nicotinamid [1]
Forschungslage
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Sehtests bei wenig Licht in placebokontrollierten Studien
Eine systematische Übersicht fand 30 Studien, die mit Extrakten aus Heidelbeeren das Sehen bei wenig Licht untersuchten; 12 davon waren placebokontrolliert, und in 11 dieser 12 Studien waren die Teilnehmenden gesund mit normaler oder überdurchschnittlicher Sehkraft. Die vier jüngsten Studien waren randomisiert und kontrolliert und fanden alle keinen Unterschied gegenüber Placebo; eine fünfte randomisierte Studie und sieben nicht randomisierte kontrollierte Studien berichteten Vorteile. Die Studien ohne Unterschied waren methodisch strenger, setzten aber auch geringere Mengen und Extrakte anderer Herkunft ein. Die einzige randomisierte Studie mit positivem Ergebnis setzte laut Bewertungsbericht des HMPC ein Kombinationspräparat aus Heidelbeerextrakt und Beta-Carotin ein [1]. Die Autoren der Übersicht schließen, dass strenge Studien die Annahme eines besseren normalen Sehens bei Nacht nach Einnahme von Heidelbeer-Anthocyanen nicht stützen (Canter und Ernst, 2004 [3]). Zur Einordnung: Die Übersicht ist über 20 Jahre alt; der Bewertungsbericht des HMPC übernimmt 2015 ihr Ergebnis [1]. Nur ihre Zusammenfassung war zugänglich; Finanzierung und Herstellerbeteiligung der einzelnen Studien ließen sich nicht prüfen.
Augenmessungen nach Bildschirmarbeit in randomisierten Studien
In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie nahmen 109 gesunde Erwachsene zwischen 20 und 60 Jahren, die am Bildschirm arbeiteten und eine Ermüdung der Augen angaben, zwölf Wochen lang täglich 240 mg eines Heidelbeerextrakts oder ein Placebo ein; der Anthocyangehalt des Extrakts lag nach der üblichen Messmethode bei rund 37 Prozent, gemessen gegen einen Referenzstoff absoluter Reinheit bei 29 Prozent; ausgewertet wurden 97. Gemessen wurde nach 40 Minuten Spielen am Smartphone ein Hochfrequenzanteil der Feinschwankungen bei der Scharfeinstellung des Auges (HFC-1), der die Anspannung des Ziliarmuskels abbilden soll. Nach Bereinigung um die Ausgangswerte lag dieser Wert nach der Belastung in Woche 8 und 12 in der Extraktgruppe niedriger als in der Placebogruppe (p = 0,014 und p = 0,017), ebenso der Anstieg durch die Belastung in Woche 4 und 12 (p = 0,018 und p = 0,049). Die unbereinigten Mittelwerte nach der Belastung lagen in Woche 12 nahezu gleich (50,65 gegenüber 50,67); zu Beginn hatten sie in der Extraktgruppe höher gelegen (52,21 gegenüber 50,72) (Kosehira et al., 2020 [4]). In einer zweiten randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie wurden aus 281 Büroangestellten zwischen 20 und 40 Jahren die 88 mit den niedrigsten Ausgangswerten in zwei Sehtests ausgewählt; sie nahmen acht Wochen lang täglich Kapseln mit 480 mg Heidelbeerextrakt, dessen Anthocyangehalt die Studie nicht angibt, oder ein Placebo ein, ausgewertet wurden 80. In der Extraktgruppe sank die Flimmerverschmelzungsfrequenz — die höchste Frequenz, bei der ein flackerndes Licht noch als Flackern erkannt wird — nach der Bildschirmbelastung in Woche 8 weniger stark als zu Studienbeginn (95-%-Konfidenzintervall 0,10 bis 1,60; p = 0,023), in der Placebogruppe nicht; zwischen den beiden Gruppen war der Unterschied nicht signifikant. Nahpunkt, Kontrastsehen, Sehschärfe beim Verfolgen bewegter Ziele und Tränenfilm unterschieden sich nicht. Von 18 abgefragten Beschwerden nach der Belastung war in Woche 8 bei fünf der Rückgang in der Extraktgruppe größer als in der Placebogruppe (p < 0,05); nach einer Korrektur für mehrfaches Testen blieben drei davon: Augenschmerz, Unbehagen und Fremdkörpergefühl (Ozawa et al., 2015 [5]). Zur Einordnung: Beide Studien setzten Extrakte ein, nicht die Beere selbst, und beide stammen von den Herstellern der Extrakte: Die erste finanzierte die Firma Omnica, bei der zwei der drei Autoren angestellt sind; die zweite führte die Firma Wakasa Seikatsu durch, bei der zwei Autoren angestellt sind. Die zweite Studie hatte laut ihren Autoren keinen vorab festgelegten Hauptzielwert und keine Fallzahlplanung. Gemessen wurden kurzfristige Veränderungen nach einer Belastung im Labor. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel sichtete die erste Studie 2023 und vermerkte, dass ihr Extrakt nicht so vollständig beschrieben ist, dass er sich mit den Zubereitungen seiner Monografien vergleichen ließe [11]. Eine Meta-Analyse zu diesen Messgrößen fand sich bei der Recherche (PubMed, Oktober 2026) nicht.
Insulin und Blutzucker nach Brot in einer Mahlzeitstudie
In drei randomisierten, kontrollierten Crossover-Mahlzeitstudien mit jeweils 13 bis 20 gesunden Frauen aßen die Teilnehmerinnen Weiß- oder Roggenbrot mit 50 g verfügbarer Stärke zusammen mit 150 g Beerenpüree oder dieselbe Brotmenge ohne Beeren; gemessen wurden Blutzucker und Insulin über zwei Stunden. In der ersten Studie gab es Weißbrot mit Erdbeeren, Heidelbeeren oder Preiselbeeren. Mit Heidelbeeren war die Insulinantwort auf das Weißbrot signifikant niedriger als ohne Beeren; signifikant verändert war der Blutzuckerverlauf von den einzeln geprüften Beeren nur mit Erdbeeren, außerdem mit einer Mischung aus vier Beerenarten, darunter Heidelbeeren (Törrönen et al., 2013 [6]). Zur Einordnung: Es ist eine einzelne Mahlzeit bei gesunden Frauen; Heidelbeeren allein wurden nur in einer der drei Teilstudien geprüft. Nur die Zusammenfassung war zugänglich; Einzelwerte, Finanzierung und Herstellerbeteiligung ließen sich nicht prüfen.
Muskelkater und Entzündungsmarker in einer randomisierten Laufstudie
In einer einfach verblindeten, randomisierten, placebokontrollierten Studie tranken 21 freizeittrainierte Läuferinnen und Läufer an fünf Tagen vor einem Halbmarathon, am Renntag und an zwei Tagen danach zweimal täglich 200 ml Heidelbeersaft oder ein Kontrollgetränk mit gleichem Energiegehalt; je 200 ml Saft enthielten 744 mg Phenole und 80 mg Anthocyane. Ausgewertet wurden 19. Der Anstieg des Muskelkaters, erfasst auf einer 200-mm-Skala und in Prozent umgerechnet, war vom Start bis direkt nach dem Rennen in der Saftgruppe um 11,6 Prozentpunkte größer als in der Kontrollgruppe (90-%-Konfidenzintervall ±14,7 Prozentpunkte, schließt also die Null ein), ebenso der Anstieg des C-reaktiven Proteins, eines Entzündungsmarkers im Blut, bis 24 Stunden nach dem Rennen (Effektstärke 0,56; 90-%-Konfidenzintervall ±0,72); die Autoren werten das als möglicherweise bzw. wahrscheinlich nachteilig. Beim Muskelenzym Kreatinkinase waren die Unterschiede unklar (Lynn et al., 2018 [7]). Zur Einordnung: Die Studie war klein, und ihr Ergebnis lief der Erwartung der Autoren entgegen; sie halten größere Studien für nötig. Die Konfidenzintervalle sind breit. Finanziert wurde sie von der Sheffield Business School; den Saft stellte ein Safthersteller kostenlos, ohne Einfluss auf Planung und Auswertung. Eine systematische Übersicht von 13 Arbeiten an Gesunden zu Beeren der Gattung Vaccinium — Blaubeeren, Cranberrys und Heidelbeeren — fand keine signifikanten Unterschiede in der Leistung beim Sport und nur in einer Studie Vorteile bei Messgrößen der Erholung; für Interleukine und C-reaktives Protein nach Belastung fanden die Autoren kaum Hinweise auf Unterschiede und schließen, dass sich Entzündungs- und Oxidationsmarker nach Belastung bei Gesunden durch diese Beeren nicht verändern ließen (Prieto Martínez et al., 2024 [8]). Von der Übersicht war nur die Zusammenfassung zugänglich; ob sie die Halbmarathon-Studie enthält, ließ sich nicht prüfen.
Mengen in Studien+
- Als Lebensmittel — im Novel-Food-Katalog der Europäischen Kommission sind Heidelbeeren als Lebensmittel nicht neuartig; für getrocknete Fruchtextrakte, die mit Methanol oder Ethanol hergestellt sind, ist laut den Angaben eines Mitgliedstaats im selben Eintrag keine Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel belegt [13]
- In Studien — täglich 240 mg Extrakt mit rund 37 Prozent Anthocyanen über zwölf Wochen [4], täglich 480 mg Extrakt ohne Angabe des Anthocyangehalts über acht Wochen [5], einmalig 150 g Heidelbeerpüree zu einer Brotmahlzeit [6], zweimal täglich 200 ml Heidelbeersaft über acht Tage [7]
- Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur, Monografie zu frischen Heidelbeeren (2015) — sie gilt traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln aus einem Trockenextrakt mit 36 Prozent Anthocyanen, hergestellt mit 70-prozentigem Methanol; einzeln 80 bis 180 mg, am Tag bis 160 bis 540 mg, für vier Wochen. Die Anwendung unter 18 Jahren wird mangels ausreichender Daten nicht empfohlen, ebenso in Schwangerschaft und Stillzeit, weil die Sicherheit dort nicht belegt ist; Daten zur Fruchtbarkeit gibt es nicht. Gegenanzeige ist eine Überempfindlichkeit; die weiteren Warnhinweise beziehen sich auf die Anwendungsgebiete der Monografie. Interaktionen mit Arzneimitteln, unerwünschte Ereignisse und Überdosierungen sind laut Monografie nicht berichtet bzw. nicht bekannt (zu Fallberichten siehe Bewertungsbericht), Studien zur Fahrtüchtigkeit gibt es nicht, und Untersuchungen zur Reproduktions- und Gentoxizität sowie zur Krebsentstehung wurden nicht durchgeführt [9]
- HMPC-Monografie zu getrockneten Heidelbeeren (2015) — für Tee als Abkochung 15 bis 60 g am Tag, aufgeteilt in Einzelmengen von 5 bis 15 g in 250 ml Wasser, drei- bis viermal täglich; unter 12 Jahren wird die Anwendung mangels ausreichender Daten nicht empfohlen. In Schwangerschaft und Stillzeit kann sie laut Monografie angewendet werden, weil sich nach dem Verzehr getrockneter Heidelbeeren kein Anlass zur Sorge über Fehlbildungen ergeben hat; Daten zur Fruchtbarkeit gibt es nicht. Gegenanzeige ist eine Überempfindlichkeit, unerwünschte Ereignisse und Überdosierungen sind nicht bekannt bzw. nicht berichtet, Studien zur Fahrtüchtigkeit gibt es nicht, und Untersuchungen zur Reproduktions- und Gentoxizität sowie zur Krebsentstehung wurden nicht durchgeführt; die weiteren Warnhinweise beziehen sich auf die Anwendungsgebiete der Monografie [10]
- Bewertungsbericht des HMPC (2015) — eine eigene Übersicht zu Sicherheitsdaten aus klinischen Studien enthält der Bericht nicht; in den Studien wurden laut Bericht keine schweren unerwünschten Ereignisse berichtet, in einer Studie gab ein Drittel der Teilnehmenden leichte bis mäßige Blähungen an. Der Bericht gibt Fallberichte zu Menschen wieder, die Gerinnungshemmer (Warfarin) einnahmen: einmal stieg der Gerinnungswert INR stark an, einmal sank er nach täglich 200 ml Heidelbeersaft, und ein 77-jähriger Mann, der jahrelang große Mengen Heidelbeeren gegessen hatte, kam mit Blutungen in die Klinik. Eine echte Gefahr von Interaktionen mit Gerinnungs- und Plättchenhemmern bei den empfohlenen Mengen ließ sich daraus nicht belegen; bei Menschen, die solche Arzneimittel einnehmen, ist laut Bericht aber eine gewisse Aufmerksamkeit nötig. Bei Kindern unter sechs Jahren wird die Anwendung nicht empfohlen; in seinem Schluss hält der Bericht die Einnahme von Heidelbeeren als Arzneimittel unter 12 Jahren mangels ausreichender Daten für nicht empfehlenswert. Die experimentellen Daten zur Giftigkeit sind laut Bericht begrenzt; angesichts der langen Verwendung, auch als Lebensmittel, sieht er dennoch keine Sicherheitsbedenken für Abkochungen der getrockneten Beeren und für den in der Monografie beschriebenen Trockenextrakt aus frischen Beeren [1]
- Nachtrag zum Bewertungsbericht (2023) — ein nicht näher beschriebener Heidelbeerfruchtextrakt erwies sich im Bakterientest (Ames-Test) mit einem von zwei Teststämmen als mutagen, im Mikrokerntest an Mäusen nicht; weil der Extrakt nicht mit den Zubereitungen der Monografien vergleichbar charakterisiert ist, sah der HMPC keinen Anlass zur Überarbeitung. In der europäischen Datenbank für Verdachtsfälle fand sich bis Juni 2022 ein Bericht über Durchfall sowie Bauch- und Magenschmerzen nach einer nicht bestimmungsgemäß angewendeten Abkochung; ein Zusammenhang galt als möglich [11]
- Unerwünschte Ereignisse in den Studien — in der Zwölf-Wochen-Studie berichteten 18 Personen der Extraktgruppe und 11 der Placebogruppe über Kopfschmerzen; die Prüfärzte sahen bei allen Ereignissen keinen Zusammenhang mit dem Extrakt [4]. In der Acht-Wochen-Studie meldeten je fünf Personen pro Gruppe insgesamt 15 leichte, vorübergehende Ereignisse, in der Extraktgruppe darunter dreimal eine Magenschleimhautentzündung und einmal Magenbeschwerden; auch hier sah der Prüfarzt keinen Zusammenhang [5]. In der Laufstudie wurden keine unerwünschten Ereignisse berichtet; der Anstieg von Muskelkater und C-reaktivem Protein war in der Saftgruppe größer [7]
Wie belastbar die Studien sind
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- Sehtests bei wenig Licht in placebokontrollierten Studien: Datenlage vorläufig, weil die Befunde uneinheitlich sind — in einer systematischen Übersicht fanden die vier jüngsten, methodisch strengeren randomisierten Studien mit Extrakten keinen Unterschied gegenüber Placebo; positive Berichte stammen überwiegend aus nicht randomisierten Studien.
- Augenmessungen nach Bildschirmarbeit in randomisierten Studien: Datenlage vorläufig — zwei von den Extrakt-Herstellern getragene Studien; in der einen lag ein Messwert der Scharfeinstellung nach Bereinigung um die Ausgangswerte niedriger als unter Placebo, in der anderen unterschied sich die Flimmerverschmelzungsfrequenz zwischen den Gruppen nicht signifikant, bei drei von 18 abgefragten Beschwerden war der Rückgang größer als unter Placebo.
- Insulin und Blutzucker nach Brot in einer Mahlzeitstudie: Datenlage vorläufig — in einer Mahlzeitstudie mit gesunden Frauen war die Insulinantwort auf Weißbrot mit 150 g Heidelbeeren niedriger als ohne Beeren; der Blutzuckerverlauf unterschied sich mit Heidelbeeren allein nicht signifikant.
- Muskelkater und Entzündungsmarker in einer randomisierten Laufstudie: Datenlage vorläufig — in einer kleinen Studie mit 21 Läuferinnen und Läufern fiel der Anstieg von Muskelkater und C-reaktivem Protein nach Heidelbeersaft größer aus als nach einem Kontrollgetränk; eine systematische Übersicht zu Beeren der Gattung Vaccinium fand bei Gesunden keine Unterschiede in der Leistung und kaum Hinweise auf veränderte Entzündungsmarker nach Belastung.
Evidenzgrade: stark bezeichnet mehrere Meta-Analysen mit konsistenter Richtung, moderat einzelne oder wenige kontrollierte Studien mit überwiegend positiver Richtung, vorläufig präklinische oder inkonsistente Befunde. Einschränkend gilt: Die Humanstudien an Gesunden zu Heidelbeeren sind wenige und meist klein; sie setzten verschiedene Zubereitungen ein — Extrakte, Püree, Saft —, die Augenstudien stammen von Extrakt-Herstellern, und von drei der sechs hier referierten Arbeiten war nur die Zusammenfassung zugänglich. Eine Meta-Analyse von Humanstudien an Gesunden zu diesen Messgrößen fand sich bei der Recherche (PubMed, Oktober 2026) nicht.
Heidelbeere: Studien im Detail
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[3] Canter und Ernst (2004) — Systematische Übersicht: Sehtests bei wenig Licht
- Journal: Survey of Ophthalmology
- Studientyp: systematische Übersicht placebokontrollierter Studien
- Teilnehmer: 30 Studien mit Messgrößen zum Sehen bei wenig Licht, davon 12 placebokontrolliert; in 11 davon Gesunde mit normaler oder überdurchschnittlicher Sehkraft
- Dosierung: Anthocyan-Extrakte aus Heidelbeeren in unterschiedlicher Menge und Herkunft
- Kernergebnis: die vier jüngsten randomisierten Studien ohne Unterschied gegenüber Placebo; eine fünfte randomisierte Studie — laut HMPC mit einem Kombinationspräparat aus Extrakt und Beta-Carotin — und sieben nicht randomisierte Studien mit positiven Berichten; Annahme einer Verbesserung des normalen Sehens bei Nacht von strengen Studien nicht gestützt
- Limitationen: über 20 Jahre alt; Studien mit unterschiedlichen Mengen und Extrakten; nur die Zusammenfassung zugänglich
- Finanzierung: nicht geprüft (Volltext nicht zugänglich)
- DOI: 10.1016/j.survophthal.2003.10.006 · PMID: 14711439
[4] Kosehira et al. (2020) — Randomisierte Studie: Scharfeinstellung des Auges nach Bildschirmarbeit
- Journal: Nutrients
- Studientyp: randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Parallelgruppenstudie
- Teilnehmer: 109 gesunde Erwachsene zwischen 20 und 60 Jahren mit Bildschirmarbeit und selbst angegebener Ermüdung der Augen; 97 ausgewertet
- Dosierung: 240 mg Heidelbeerextrakt (rund 37 Prozent Anthocyane nach der üblichen Messmethode, 29 Prozent gegen einen Referenzstoff absoluter Reinheit) einmal täglich über zwölf Wochen
- Kernergebnis: HFC-1 nach Belastung in Woche 8 und 12 nach Bereinigung um die Ausgangswerte niedriger als unter Placebo (p = 0,014; p = 0,017), Anstieg durch die Belastung in Woche 4 und 12 niedriger (p = 0,018; p = 0,049); unbereinigte Mittelwerte in Woche 12 nahezu gleich
- Limitationen: Ausgangswerte zwischen den Gruppen verschieden; kurzfristige Messung nach Laborbelastung; Herstellerstudie
- Finanzierung: Omnica Co., Ltd., Hersteller des Extrakts; zwei der drei Autoren dort angestellt
- DOI: 10.3390/nu12030600 · PMID: 32106548
[5] Ozawa et al. (2015) — Randomisierte Studie: Flimmerverschmelzung und weitere Sehtests nach Bildschirmarbeit
- Journal: The Journal of Nutrition, Health & Aging
- Studientyp: prospektive, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie
- Teilnehmer: 88 Büroangestellte zwischen 20 und 40 Jahren mit den niedrigsten Ausgangswerten in zwei Sehtests (aus 281); 80 ausgewertet
- Dosierung: täglich 480 mg Heidelbeerextrakt in drei Kapseln über acht Wochen
- Kernergebnis: Rückgang der Flimmerverschmelzungsfrequenz nach Belastung in Woche 8 in der Extraktgruppe kleiner als zu Beginn (p = 0,023), Unterschied zur Placebogruppe nicht signifikant; Nahpunkt und weitere Sehtests ohne Unterschied; bei drei von 18 Beschwerden nach Korrektur für mehrfaches Testen größerer Rückgang als unter Placebo
- Limitationen: kein vorab festgelegter Hauptzielwert, keine Fallzahlplanung; kleine Stichprobe; acht Wochen
- Finanzierung: durchgeführt von Wakasa Seikatsu Co., Ltd., Hersteller der Kapseln; zwei Autoren dort angestellt, zwei weitere erhalten von dort Unterstützung für eine andere Studie
- DOI: 10.1007/s12603-014-0573-6 · PMID: 25923485
[6] Törrönen et al. (2013) — Crossover-Mahlzeitstudien: Insulin und Blutzucker nach Brot mit Beeren
- Journal: The Journal of Nutrition
- Studientyp: drei randomisierte, kontrollierte Crossover-Mahlzeitstudien
- Teilnehmer: jeweils 13 bis 20 gesunde Frauen
- Dosierung: Weiß- oder Roggenbrot mit 50 g verfügbarer Stärke und 150 g Beerenpüree, einmalig je Mahlzeit; Heidelbeeren einzeln in der ersten Teilstudie
- Kernergebnis: Insulinantwort auf Weißbrot mit Heidelbeeren niedriger als ohne Beeren; Blutzuckerverlauf nur mit Erdbeeren und mit einer Beerenmischung signifikant verändert
- Limitationen: einzelne Mahlzeiten; Heidelbeeren allein nur in einer Teilstudie; nur die Zusammenfassung zugänglich
- Finanzierung: nicht geprüft (Volltext nicht zugänglich)
- DOI: 10.3945/jn.112.169771 · PMID: 23365108
[7] Lynn et al. (2018) — Randomisierte Studie: Muskelkater und Entzündungsmarker nach einem Halbmarathon
- Journal: Journal of the International Society of Sports Nutrition
- Studientyp: einfach verblindete, randomisierte, placebokontrollierte Parallelgruppenstudie
- Teilnehmer: 21 freizeittrainierte Läuferinnen und Läufer (16 Männer, 5 Frauen); 19 ausgewertet
- Dosierung: zweimal täglich 200 ml Heidelbeersaft (744 mg Phenole, 80 mg Anthocyane je 200 ml) über acht Tage rund um das Rennen; Kontrolle energiegleiches Getränk
- Kernergebnis: Anstieg des Muskelkaters bis direkt nach dem Rennen um 11,6 Prozentpunkte größer als unter Kontrolle (90-%-Konfidenzintervall ±14,7), Anstieg des C-reaktiven Proteins bis 24 Stunden größer (Effektstärke 0,56); Kreatinkinase unklar
- Limitationen: kleine Stichprobe; breite Konfidenzintervalle; keine Kraftmessung; nur zwei Tage Nachbeobachtung
- Finanzierung: Sheffield Business School; Saft kostenlos von The Pure Juice Company, ohne Einfluss auf Planung und Auswertung; keine konkurrierenden Interessen erklärt
- DOI: 10.1186/s12970-018-0227-x · PMID: 29743826
[8] Prieto Martínez et al. (2024) — Systematische Übersicht zu Beeren der Gattung Vaccinium: Leistung und Entzündungsmarker
- Journal: Food & Function
- Studientyp: systematische Übersicht ohne Meta-Analyse
- Teilnehmer: 13 Arbeiten an Gesunden zu Blaubeeren, Cranberrys und Heidelbeeren im Vergleich mit einer Kontrollgruppe
- Dosierung: verschiedene Beeren und Beerenprodukte der Gattung Vaccinium
- Kernergebnis: keine signifikanten Unterschiede in der Leistung beim Sport; nur eine Studie mit Vorteilen bei Messgrößen der Erholung; kaum Hinweise auf Unterschiede bei Interleukinen und C-reaktivem Protein nach Belastung
- Limitationen: nicht auf Heidelbeeren beschränkt; nur die Zusammenfassung zugänglich; ob die Halbmarathon-Studie [7] enthalten ist, nicht geprüft
- Finanzierung: nicht geprüft (Volltext nicht zugänglich)
- DOI: 10.1039/d3fo04435a · PMID: 38165220
Quellenverzeichnis
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- Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), European Medicines Agency (2015). Assessment report on Vaccinium myrtillus L., fructus recens and Vaccinium myrtillus L., fructus siccus. Final, EMA/HMPC/555161/2013, 29. September 2015. https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-report/final-assessment-report-vaccinium-myrtillus-l-fructus-recens-and-vaccinium-myrtillus-l-fructus-siccus_en.pdf
- Lätti AK, Riihinen KR, Kainulainen PS (2008). „Analysis of anthocyanin variation in wild populations of bilberry (Vaccinium myrtillus L.) in Finland“. Journal of Agricultural and Food Chemistry, 56(1), 190–196. DOI: 10.1021/jf072857m · PMID: 18072741
- Canter PH, Ernst E (2004). „Anthocyanosides of Vaccinium myrtillus (bilberry) for night vision — a systematic review of placebo-controlled trials“. Survey of Ophthalmology, 49(1), 38–50. DOI: 10.1016/j.survophthal.2003.10.006 · PMID: 14711439
- Kosehira M, Machida N, Kitaichi N (2020). „A 12-Week-Long Intake of Bilberry Extract (Vaccinium myrtillus L.) Improved Objective Findings of Ciliary Muscle Contraction of the Eye: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel-Group Comparison Trial“. Nutrients, 12(3), 600. DOI: 10.3390/nu12030600 · PMID: 32106548
- Ozawa Y, Kawashima M, Inoue S, et al. (2015). „Bilberry extract supplementation for preventing eye fatigue in video display terminal workers“. The Journal of Nutrition, Health & Aging, 19(5), 548–554. DOI: 10.1007/s12603-014-0573-6 · PMID: 25923485
- Törrönen R, Kolehmainen M, Sarkkinen E, et al. (2013). „Berries reduce postprandial insulin responses to wheat and rye breads in healthy women“. The Journal of Nutrition, 143(4), 430–436. DOI: 10.3945/jn.112.169771 · PMID: 23365108
- Lynn A, Garner S, Nelson N, et al. (2018). „Effect of bilberry juice on indices of muscle damage and inflammation in runners completing a half-marathon: a randomised, placebo-controlled trial“. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 15, 22. DOI: 10.1186/s12970-018-0227-x · PMID: 29743826
- Prieto Martínez A, Coutiño Diaz M, Anaya Romero L, et al. (2024). „Effects of Vaccinium berries (blueberries, cranberries and bilberries) on oxidative stress, inflammation, exercise performance, and recovery — a systematic review“. Food & Function, 15(2), 444–459. DOI: 10.1039/d3fo04435a · PMID: 38165220
- Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), European Medicines Agency (2015). European Union herbal monograph on Vaccinium myrtillus L., fructus recens. Final, EMA/HMPC/375808/2014, 29. September 2015. https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-monograph/final-european-union-herbal-monograph-vaccinium-myrtillus-l-fructus-recens_en.pdf
- Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), European Medicines Agency (2015). European Union herbal monograph on Vaccinium myrtillus L., fructus siccus. Final, EMA/HMPC/678995/2013, 29. September 2015. https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-monograph/final-european-union-herbal-monograph-vaccinium-myrtillus-l-fructus-siccus_en.pdf
- Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), European Medicines Agency (2023). Addendum to Assessment report on Vaccinium myrtillus L., fructus recens and Vaccinium myrtillus L., fructus siccus. EMA/HMPC/883967/2022, 12. Mai 2023. https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-report/addendum-assessment-report-vaccinium-myrtillus-l-fructus-recens-and-vaccinium-myrtillus-l-fructus-siccus_en.pdf
- Royal Botanic Gardens, Kew. Plants of the World Online: „Vaccinium myrtillus L.“. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:30006039-2
- Europäische Kommission. Novel-Food-Katalog, Eintrag „Vaccinium myrtillus L.“ (POL-NF-00769). https://ec.europa.eu/food/food-feed-portal/screen/novel-food-catalogue/search